"Für Bergrennen war die Maschine fast zu schnell"
Ludwig Barth restauriert Seitenwagen von 1979 für Baptist Kohlmann / Schmiede ist in ganz Deutschland bekannt.

Quelle: Neumarkter Tageblatt, Donnerstag, 18. August
Der Neumarkter Ludwig Barth ist ein alter Bekannter in der Deutschen Seitenwagen-Szene. In den sechziger und siebziger Jahren hat er, wie er selbst sagt, "jeden deutschen Spitzenfahrer mit Teilen beliefert" und baute in dieser Zeit rund 30 Motorräder. Nun restauriert er für Baptist Kohlmann einen alten Seitenwagen aus dem Jahre 1979, den er damals selbst gebaut hat.
Dies war bis dato sein letztes Gespann, das er konstruiert hatte. Nun will Barth mit der Restaurierung seiner letzten Rennmaschine aus dem Jahre 1979 das Lebenswerk komplettieren. Die Neumarkter Seitenwagen-Schmiede, bestehend aus Ludwig Barth, beschränkte sich zu ihrer besten Zeit nicht auf die Produktion für deutsche Fahrer, sondern lieferte Seitenwägen auch nach England oder nach Osterreich.
Ludwig Barth sagt im NT-Gespräch: "Ich hatte schon immer Interesse für den Seitenwagen-Sport." Doch selbst am Steuer war er nie, er absolvierte lediglich einmal eine Proberunde im Seitenwagen.
"Schon als ich zwölf Jahre alt war", sagt Barth, "habe ich zusammen mit meinem Freund Jürgen Mösl ein Fahrrad mit Seitenwagen gebaut." Irgendwie scheint der Neumarkter diese Passion im Blut zu haben. Mit zunehmendem Alter allerdings beruhigt sich so manches: "Früher hätte ich ohne diesen Sport nicht leben kön nen", sagt Ludwig Barth, "Jetzt ist das nicht mehr so."
Für den Forchheimer Georg Buchner - Vater des Motorrad-Rennsportlers und Mechanikers Emanuel Buchner -ist Ludwig Barth ebenfalls ein Begriff: Ihn stattete der Neumarkter Seitenwagen-Schmied mit einer Maschine aus, die Buchner für Junioren-Rennen auf Deutschland-Ebene verwendete. Arsenius Butscher ist ebenfalls ein Inbegriff für viele Seitenwagen-Fans. Der Deutsche war in den Sechziger Jahren Vize-Weltmeister - und fuhr einen Seitenwagen von Ludwig Barth: "Ich habe für Butscher auch viele Teile gebaut wie Verkleidungen oder Gabeln", sagt Barth.
Der vierfache Weltmeister Max Deubel wurde ebenfalls aus der Jurastadt mit Seitenwagen-Teilen versorgt. Und für den sechsfachen Weltmeister Klaus Endres baute Ludwig Barth vor vier Jahren eine Replika des Seitenwagens, mit dem Endres im Jahre 1972 die WM gewonnen hat.
Baptist Kohlmann spielt mit dem Gedanken, im kommenden Jahr an Oldie-Rennen teilzunehmen: "Dann sind nur mehr 1000-Kubikzentimeter- Maschinen bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft erlaubt", sagt er. "Mit meiner 1200er Maschine kann ich nicht mehr teilnehmen. Eventuell fahre ich Sternrennen mit, bei denen alles, was drei Räder hat, teilnimmt, oder Oldtimer-Rennen. " Es könnte sein, dass Kohlmann in der IDM etwas kürzer tritt. Bei Stern- oder Oldie-Rennen könnte der Neumarkter etwas mehr auf den Spaßfaktor setzen. Doch dazu muss Ludwig Barth erst den alten Seitenwagen aus dem Jahre 1979 wieder zusammenbauen, der momentan in seinen Einzelteile zerlegt in dessen Garage liegt.
Ein Jahr lang fuhr diese Maschine noch Baptist Kohlmanns Vater, dann verwendete der Sohn den Seitenwagen zwei Jahre lang und fuhr damit auch auf dem Neumarkter Bergrennen. Nach einer Pause nahm Baptist Kohlmann jun. im Jahre 1985j86 mit dieser Maschine noch einmal an der Deutschen Meisterschaft teil - alles mit seinem Neumarkter Beifahrer Ernst Theuer.
Teile aus Starfighter-Blech
"Für das Bergrennen war die Maschine eigentlich fast zu schnell", sagt Baptist Kohlmann, "sie hatte 120 PS". Kohlmann fuhr damit dennoch die Deutsche Berg-Junioren~Meisterschaft und wurde dort Vizemeister, außerdem die Rundstrecke, die er mit einem vierten Platz abschloss. "Im Jahre 1982 habe ich 17 oder 18 Rennen absolviert. Ich weiß gar nicht mehr, wie das gegangen ist. Irgendwie war es aber schöner als jetzt."
Vielleicht, weil die Beziehung zum Motorrad eine intensivere war - schließlich hat Kohlmanns Mechaniker Ludwig Barth fast alle Teile selbst gefertigt. Gabel, Rahmen und Schwinge wurden aus Starfighter-Blech hergestellt. "Das gab es in Neumarkt zu kaufen", sagt Barth. Die Holz-Modelle für die Verkleidungen hat die Sengenthaler Firma Holzammer gefertigt. Die Sterne für die Räder stellte Ludwig Barth her. Statt einer Gummiblase wurde damals noch ein Alu-Tank verwendet. In sechs Monaten war die Maschine 1979 fertig gestellt.
Zwischenzeitlich war das Motorrad verkauft worden und wurde in der jugoslawischen Meisterschaft gefahren. Baptist Kohlmann wurde durch einen Bekannten aus der Rennsportszene darauf aufmerksam gemacht, dass die Maschine in Mainz stehe. "Ich habe mich sofort aufgemacht, sie dort zu suchen", sagt Kohlmann, "denn es war mir sehr wichtig, das Motorrad, das mein Vater gefahren hat, wieder zu finden." Kohlmann hat, wie er selbst sagt, "eine sehr emotionale Bindung" zu seinem 1983 verstorbenen Vater.
Bernhard Kratzer, IDM-Mechaniker von Baptist Kohlmann, konnte sich beim Besuch in der Seitenwagen-Schmiede von Ludwig Barth für seine Arbeit an den modernen Seitenwägen wertvolle Tipps holen.


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